Der verfluchte Berg

(Joe Tausendacht)

Plötzlich ist der Weg zu Ende. Die lose aufgeschichteten Steinplatten, die den Pfad bildeten, machen einer nackten Felswand platz. Dahinter führt der Weg weiter, windet sich den Fels hinauf wie in den Kulissen eines Indiana Jones Films. Aber ich bin kein Held, auch kein Hollywoodschauspieler mit Sicherungsleine vor einer Bluescreen. Das hier ist die Wirklichkeit, es ist kalt und nass und der Fels ist glitschig. Ich mache kehrt.

Eine Brasilianerin schreit ins Telefon, die Tür ihrer Kabine steht sperrangelweit offen, durch das Internetcafé dröhnt das Bollern des Plastikdreirades ihres Kindes. Ich versuche verzeifelt, den steilen Pyrenäenpfad vor meinem inneren Auge zu behalten.

Ich nehme nun den ebenerdigen Feldweg, am Bach entlang, bis ich in ein düsters Dorf gelange. Die aus schwarzem Stein geschichteten Häuser schweigen mich an, es scheint, als sei die Zeit hier seit zwei Jahrhunderten stehengeblieben. Man erzählt sich, die Bewohner dieses Ortes hätten sich gegenseitig bis aufs Blut bekämpft als es darum ging, eine Skipiste in den Berg zu schlagen. Die Grundbesitzer waren dafür; die, die vom Schmuggel aus Andorra lebten, wehrten sich mit allen Mitteln gegen das Projekt. Schließlich gab es Tote auf beiden Seiten; die Skipiste am "Verfluchten Berg" wurde nie gebaut.

Das Bollern des Plastikdreirades nimmt Überhand, es gelingt der Brasilianerin nicht mehr, gegen das Geräusch anzuschreien. Wütend knallt sie den Hörer zur Seite, renn zu ihrem Kind, reisste es vom Dreirad herunter. "Dummkopf, hast du schon vergessen, warum ich dich vorhin geschlagen habe?" brüllt sie während sie das Plastikdreirad in den hintersten Winkel des Lokals schleudert.

Das Kind beginnt zu schreien, schriller als eine Polizeisirene. Ich fluche halblaut vor mich hin während die Araber, die am Thresen des Lokals herumlungern, stoisch auf ihre Handys starren.

Eine dürre schwarze Katze nähert sich mir, miaut. Ich beuge mich zu ihr herab, streichele ihr stumpes Fell. Ihr Kopf ist riesig und ruht auf einem für ihren Körper viel zu dicken Hals. Die Katze beginnt zu schnurren, immer lauter, bis der Boden zu beben scheint und ich merke, dass neben mir ein Geländewagen zum Stehen gekommen ist. Darin sitzt eine Frau und blickt mich mit mistrauischen Augen an. Ich grüsse sie und beschreibe ihr das Problem, dass ich beim Begehen des Höhenweges gehabt habe. "Der Weg war schon immer so." lacht sie, in ihren Augen ist nun Spott.

Die Brasilianerin zerrt ihren lauthals heulenden Nachwuchs aus dem Internetcafé, in der anderen Hand das Plastikdreirad. Kaum ist sie auf der Rambla del Raval verschwunden, stürzt einer der Araber in die Telfonkabine und hält sodann lachend ein Paket Zigaretten hoch. Der brasilianische Gast hatte wohl etwas mehr als seinen Kopf verloren. Der Araber spendiert generös allen eine Kippe. Nur ich muss leider ablehnen; Nichtraucher.

Ich steige von der anderen Seite aus erneut in den Höhenweg. Die Sonne ist hervorgekommen, es ist warm und trocken, das Grass leuchtet in frühlingshaftem Grün welches mit kleinen, bunten Blumen gespickt ist. Weiter oben wird der Weg steiniger, führt an schroffen Felswänden entlang. "Nur nicht nach unten sehen." sage ich zu mir "Eine stark befahrene Landstrasse ist gefährlicher und Du zitterst nicht die Spur." Den Blick fest auf meine Schuhe geheftet, taste ich mich an der Felswand entlang. Der Weg wird immer schmaler, schlisslich kommt die nackte, steile Wand, die ich von der anderen Seite aus gesehen habe. Ich suche mit den Händen Halt im Felsen, setze die Schuhe auf schmale Vorsprünge, immer nur ein Gliedmass bewegend und mit den anderen drei sichern, so, oder so ähnlich, hatte ich es jedenfalls mal irgendwo gelesen. Dann bin ich auf der anderen Seite angelangt, der Weg wird angenehm breit. Ich aber bleibe weiterhin mit meinem Oberköper an die Felswand gepresst, mit den Händen in jeder Spalte Halt suchend. Zum Freeclimber fehlt mir wohl das Talent. Aber nach und nach weicht die Angst einem Gefühl des Triumphes. Ich habe es geschafft, ich habe den alten Höhenpfad am Verfluchten Berg bezwungen.

Joe Tausendacht